Posted by on Feb 20, 2016 in ALLES, BERLINALE 2016, DISKURS, NEWS | 1 Kommentar


 

Impulsvortrag von Jutta Brückner anlässlich der Veranstaltung „Aktion Q“, einer Diskussion über „Qualität und die Angst vor der Frauenquote“
am 16. Februar 2016 in der Akademie der Künste, Pariser Platz 4, 10117 Berlin
Veranstaltung von Pro Quote Regie e.V. in Kooperation mit der Akademie der Künste.


Wir sind im Jahr 1820.

Fürchten Sie diese Zeitreise nicht. Sie werden schnell merken, was das mit Qualität und Quote zu tun hat.
Zu Beginn der bürgerlichen Gesellschaft haben die Philosophen Immanuel Kant und Gottlieb Fichte gesagt: Der Bürger ist immer und prinzipiell ein Mann. Denn sowohl die Vernunft wie auch der Staat sind per Definition männliche Wesen. Die Frau ist nur Materie.  Frauen sind keine Subjekte, sie sind abhängig, unmündig und haben einen angeborenen Liebestrieb, der sie zu unsicheren Kantonistinnen für öffentliche Ämter macht. Denn diese Ämter sind selbstverständlich auch männlich. Frauen sind wie die Kinder, vernunftlose und schutzbedürftige Wesen, zwar moralisch keine Sachen, sie können aber juristisch als Sachen behandelt werden. Und deshalb üben Ehemänner eine Vormundschaft über ihre Angetrauten aus, verwalten stellvertretend für sie ihr Vermögen, schließen Geschäfte ab und führen in ihrem Namen Prozesse. Höchste Gefahr ist gegeben, wenn die weibliche Materie mit ihren wilden Affekten den Damm der männlichen Kontrolle durchbricht.  Dann nämlich verlieren die männlichen Vernunftindividuen ihre Männlichkeit und gehen als Individuen unter. Deshalb müssen sie  die Macht und die Kontrolle  über die Frauen unter allen Umständen behalten. Ein heutiger Philosoph hat geschrieben, Hegels Vorstellung vom absoluten Geist, das  sei der männliche, weiße Kapitalist, der alles haben will, was es überhaupt zu haben gibt.

Dies also ist das tiefe Fundament der bürgerlichen Gesellschaft, in der wir noch heute leben. Sie hat per Definition die Hälfte der Menschheit ausgeschlossen und war eine ungeheure Verschwendung von menschlichen Fähigkeiten und natürlichen Ressourcen.

Sprung: Wir sind im Jahr 1920.

Natürlich ist jetzt alles anders. Die Frauen haben jetzt das Wahlrecht und einige bürgerliche Freiheiten und die Frau ist jetzt die ‘neue Frau’. Das beunruhigt aber viele Männer. 1916 sagt der Bund gegen das Frauenstimmrecht, nur der sich selbst behauptende Mann sei die höchste Erscheinungsform einer völlig freien und unabhängigen Persönlichkeit. Wenn er jetzt seine Macht teilen muss, dann ist nicht nur die gesamte Männlichkeit in Gefahr, sondern auch der Staat, denn alle seine Funktionen sind ja männlich.  Die Frauen merkten schnell, dass ihre neue Freiheit an eine Gesellschaft stieß, die überall nach männlichen Regeln funktionierte, in der Arbeit, dem Sport, der Politik und der Liebe. Es war so, als hätte man an ein Haus einen Balkon gebaut, der die Statik veränderte und jetzt war man ständig bemüht, dafür zu sorgen, dass das Haus nicht kippte. In einem Buch von 1929 legen 11 Männer,  die zur männlichen Elite der Zeit gehören, sich darüber Rechenschaft ab, was sie von der ‘neuen Frau‘ erwarten.  Ihre bange Frage ist: Bis wohin soll denn diese Emanzipation gehen? Fast alle sind sich einig, dass die Frau an Wesentlichkeit verliere, je mehr sie sich in den Bereich des Intellekts und der Erotik vorwage. Was die Erotik anging, so müsse sie sich eben zusammennehmen. Was den Geist anging, waren die Autoren weniger besorgt, denn es herrschte Übereinstimmung, dass die Frau gar keine Geistigkeit haben könne, denn:  Geist komme aus Zeugungskraft und darüber verfüge nur der Mann. Die ideale Gemeinschaft sei die des geistigen und zeugenden Mannes und seiner verstehenden Gefährtin als Mittlerin. So klug musste sie dann sein, dass sie ihn verstehen konnte. Im Klartext: als seine private Sekretärin.  Wie eine letzte unverrückbare Bastion wird in diesen Texten die alte Trennung von weiblicher Materie und männlichem Geist verteidigt.

Jetzt  sind wir wieder hundert Jahre weiter, sind im Jahre 2020.

Im Wettbewerb von Cannes gibt es einen Film einer deutschen Regisseurin. Diese Frau hat einen Film gemacht, weil die 20 Prozent Frauenanteil der Degeto inzwischen auf 40 Prozent erhöht wurden. Deshalb laufen jetzt nicht nur im Wettbewerb, sondern auch in der Quinzaine des realisateurs und in der Semaine de la critique mehrere Filme von deutschen Frauen. Denn Frauen haben ein noch nicht abgenutztes Potential an Geschichten.  Finanziert wurde das durch das Medienboard Berlin, denn die Intendantin Kirsten Niehuus, die das Recht zu persönlichen Entscheidungen hat,  hat eine freiwillige Quote eingeführt und die Filmstiftung NRW, die das kollektiv entschieden hat, vergibt inzwischen auch einen Anteil der Gelder an Frauen. Die Bayerische Filmförderung hat sich verweigert, denn drei  der Regisseurinnen haben Kinder und die Bayern fürchten, dass diese unter der Berufstätigkeit der Mutter leiden. Mehrere Redakteurinnen der öffentlich-­‐rechtlichen Fernsehanstalten haben die Projekte durchgeboxt, gar nicht so sehr gegen direkte Einwände, sondern einfach gegen eine bestimmte Trägheit des Systems, das immer wieder das Gewohnte will. Egal, ob die Filme,  die 2020  in Cannes laufen werden, nun Preise bekommen oder nicht, alle atmen auf, dass der Bann gebrochen ist. Und zwar nicht nur der Bann des Vorurteils, dass Frauen keine Filme von Qualität machen können, sondern auch der Fluch auf dem deutschen Film, auf den wichtigen Festivals im Ausland nicht präsent  zu sein.

Und jetzt wieder zurück Heute. Und da es bis 2020 nur noch vier Jahre sind und man sich deshalb beeilen muss,  habe ich ein paar Argumentationshilfen zusammengestellt, die es allen Entscheidern und Entscheiderinnen leichter machen könnten, sich für Projekte von Frauen stark zu machen. Denn es gibt noch immer viel Gegenwind in diesem Land, das eine ganz besonders schwierige Haltung zu der Frage hat, wie emanzipiert eine Frau sein darf.

Frau Grütters, Frau Wille, Frau Niehuus, Frau Müller, Frau Strobl: Sie wissen, dass noch vor 20 Jahren man auch Ihnen allen nicht zugetraut hat,  Kulturstaatsministerin  oder ARD-­‐Vorsitzende zu sein, Filmfördergremien zu leiten oder die Filmredaktion der ARD.  Noch vor 20 Jahren hat man gesagt, Frauen seien nicht belastungsfähig, hätten keine Durchsetzungskraft und wenn sie Kinder hätten, dann seien sie nicht präsent. Sie alle haben aber bewiesen, dass das nur Vorurteile sind. Aber es brauchte nicht nur Ihre Intelligenz und Ihre Zähigkeit, sondern auch die Kraft einer ganzen Bewegung, die immer wieder den Anteil von Frauen eingeklagt hat. Frauen, die es geschafft haben, neigen dazu zu glauben, dass sie es allein ihrer Klugheit  und Beharrlichkeit verdanken. Doch jetzt sollten Sie die Funktionen anders ausfüllen, als ihre Vorgänger es gemacht haben und als es das System als Ganzes  noch immer stillschweigend von Ihnen erwartet.  Denn jede öffentliche Funktion ist erst einmal männlich. Diese unbewusste Überzeugung ist uns geblieben von dem Fundament, auf dem der bürgerliche Staat ruht. Es ist jetzt an Ihnen  zu beweisen, dass sie sich der Macht der Vorurteile nicht beugen. Denn das sind sie: keine Urteile, nur Vor‐urteile.

Aber  viele fragen, ob es denn wirklich die Quote ist, die dabei hilft? Und ob nicht die Qualität sinkt, wenn plötzlich die ‚weibliche Materie’ sich in das System drängt? Was ist denn Qualität?

Seit ungefähr 20 Jahren wird im deutschen Film über Professionalisierung geredet, die Qualität zum Ziel haben soll.  Und alle möglichen Offensiven, die von sich behaupten, das zu fördern, werden wiederum gefördert. Aber das ist eine Falle. Professionalisieren müssen sich alle Filmemacher und Filmemacherinnen ständig. Aber das bedeutet, dass sie sich das aneignen, was sie für den jeweiligen Film brauchen. Im deutschen Film gibt es inzwischen in allen Bereichen sehr gute handwerkliche Qualität, gute Darsteller, exquisite Dekorationen, wunderbares Licht, und detaillierte Vorschriften, wie ein Film dramaturgisch auszusehen habe. Aber gerade junge Filmemacher ersticken unter dieser Flut von handwerklichen Regeln. Das Handwerk frisst die Geschichte auf.  Das hat Richard Brody gesagt, der Filmkritiker des New Yorker. Im deutschen Kino, meinte Brody, müsse heute alles versiert und ungeheuer professionell sein. Metier sei im Übermaß vorhanden, aber völlig unverbunden zum Stoff. Was Brody aber absolut vermisst, das sind Regisseure, die ihm etwas aus dem Hier und Jetzt erzählen: „Hier bin ich. So leben wir.“ In Deutschland habe der Betrieb die Kunst verdorben. Dem deutschen Film fehle das Innovative. Andere stimmten zu. Sergio Fant , der in der Auswahlkommission für das Festival in Locarno sitzt, sagte,  der deutsche Film zeichne nicht mehr Porträts von Menschen oder der Gesellschaft, sondern sei obsessiv an Form und Kadrierung ausgerichtet. Kalt, bewegungslos, eingefroren in der Zeit sei dieses Kino.

Ein hartes Urteil. Aber eines, das ziemlich genau das ‚System Deutscher Film’ trifft, das eine Mischung aus Angst und vorauseilendem Gehorsam ist und nach nichts als Qualität strebt. Die sieht man vor allem in den Zutatenfilmen. Eine Menge von Zutaten, die in sich Qualität haben, Darsteller, Kamera, Dekor, werden zusammengebracht in der Hoffnung, dadurch entstehe ein großartiger Film. Das Handwerk ist alles vom Feinsten, aber es stellt sich selbst aus und lässt keinen Platz mehr für eine Geschichte, die mehr ist als nicht anstößig. Eine  Geschichte, der man mit einer Art lauwarmem Wohlwollen begegnen kann.  Diese Art von Qualität meint filmische Konvention bei gleichzeitig handwerklicher Perfektion. Und sie ist weit von dem entfernt, was viele von uns vom deutschen Film erwarten und worauf andere Länder neugierig sind. Und was auch  Kulturstaatsministerin Monika Grütters vom deutschen Film erhofft, nämlich:  riskante Projekte. Das hat sie gesagt und es ist enorm erfreulich, so etwas zu hören. Nur, Frau Grütters, riskante Projekte sind keine Qualitätsfilme. Qualität ist immer eine Ansammlung der Standards von gestern und ein Phänomen einer gesellschaftlichen und ästhetischen Sättigung, in einer Zeit der Langeweile oder sogar des Überdrusses. Alles Neue, alles Riskante richtete sich immer gegen die Vorstellung von Qualität,   jede neue filmische Bewegung hat  sofort gegen die handwerklichen Regeln verstoßen. In der bildenden Kunst war es immer die Sezession, die sich gegen den Akademismus in Stellung gebracht hat. Wenn man also an diesem Begriff von Qualität hängt, dann muss man ihn anders definieren und sagen: Qualität ist das, was einen besonderen und ungewöhnlichen Blick auf allzu Vertrautes richtet, und damit unser Verständnis weitet.  Egal ob das eine Geschichte oder ihre ästhetische Umsetzung ist.

Aber solche Projekte stoßen ganz schnell auf Vorbehalte und besonders schnell im Fernsehen, ohne das in Deutschland immer noch fast kein Film zu machen ist. Das Fernsehen ist ein Massenmedium und muss Filme machen, die von möglichst vielen Menschen gesehen werden, es muss Waren des alltäglichen Gebrauchs herstellen. Ein Fernsehen, das nur aus Meisterwerken besteht, ist nicht denkbar und nicht mal wünschenswert. Deshalb muss das Fernsehen einen Begriff von Qualität haben, der auf breite  Resonanz setzt. Und nur das allein misst die Quote. Quote bedeutet noch nicht einmal Qualität,  weder in dem überkommenen Sinn des üppigen Zutatenfilms noch in dem anderen, den ich vorgeschlagen habe. Sie bedeutet nur, dass viele Menschen es gesehen haben aus welchen Gründen auch immer und dass sich dadurch das Fernsehen selbst legitimiert als Massenmedium. Das ist keine kleine Aufgabe in gesellschaftlich stürmischen Zeiten. Aber sie hat nichts mit guten Filmen zu tun.

Die Quote ist die Herrschaft der Zahl, die als einziges Kriterium übrig geblieben ist,  seit es keine allgemein verbindlichen ästhetischen Standards mehr gibt.  Aber wenn man schon nicht ohne die Quote auskommen kann oder will, dann muss man auch konsequent sein. Denn wenn ohnehin nur die Zahl regiert, dann gibt es keinen Grund, die Forderung der Frauen nach einer gerechten Anzahl von Regieaufträgen von Frauen abzulehnen. Wenn wir nichts weiter haben als Messen und Zählen, dann haben auch die Frauen das Recht, ihre Unterrepräsentation durch Messen und Zählen zu beweisen und einzufordern, dass das beendet wird.  Denn gerechte Beteiligung an den gesellschaftlichen Ressourcen ist eine Grundforderung der Demokratie. Und es gibt keinen Grund, keinen einzigen, die Frauen davon auszuschließen und ihnen so eine Berufsausübung zu verwehren.
Esther Gronenborn hat  unlängst in einem Interview gesagt: Mit einer Quote werden Frauen nicht bevorzugt, denn diese sorgt lediglich dafür, dass Frauen in gleicher Weise in die engere Auswahl kommen.  Ich füge hinzu, dass es bisher eine stillschweigende Männerquote gegeben hat, die als solche nie erkennbar war, weil die Macht von sich selbst immer behauptet, sie sei das Selbstverständliche und Vernünftige und alles andere die Ausnahme, wenn nicht ein Skandal oder eine Revolution. Inzwischen wissen sogar die Wirtschaft und die Banken, dass die Metaphysik  des Marktes mit seiner Hochachtung vor der Zahl der Konsumenten bankrott ist. Und eine Gesellschaft ist mehr als die Summe ihrer Konsumenten.

Aber wir sind weiter auf der Suche nach den guten Filmen. Wenn schon die Frage nach der Qualität darauf keine Antwort gibt, wo ist die Antwort?
Hier stoßen wir früher oder später auf das Wort „Genie“ als Bezeichnung für jemanden, der das Außergewöhnliche macht.

Dahinter steckt der Glaube, dass der Erfolg in einem bestimmten Feld angeborene Brillanz und  eine Art von grundlegender intellektueller Kapazität braucht, die nicht gelehrt und gelernt werden und durch keinerlei Arbeit ersetzt werden kann. Ein Genie ist einer, der Genie hat und er ist immer ein Mann. Wenn sie sich den Kanon des deutschen Films ansehen, dann werden sie feststellen, dass die überwältigende Anzahl der Filme, die das deutsche Filmeerbe ausmachen, von männlichen Genies gemacht wurden. Nun hat es aber in Deutschland seit den 70er Jahren eine ganze Generation von Frauen gegeben, die Filme gemacht haben. Die sind auf internationalen Festivals in der ganzen Welt gelaufen und anerkannt worden. Mir hat der Leiter einer brasilianischen Kinemathek gesagt, dass die deutschen Filme die Avantgardefilme der Welt  seien und ein starker Teil davon seien die Filme der Frauen. Über diesen Anteil der Frauen wissen heute nicht alle die Bescheid, die es wissen müssten – und im Übrigen gehören zu den Nichtwissern auch eine ganze Anzahl von Frauen. Das  ist eine der Vergessensleistungen, an denen die deutsche Geschichte reich ist.
Untersuchungen an amerikanischen Universitäten haben gezeigt, dass der Anteil von Frauen in allen Bereichen von Wissenschaft und Kunst umso geringer ist, wie der Glaube an die angeborene intellektuelle Brillanz des Genies vorherrscht. Das Stereotyp des Genies ist ausschließlich männlich, es ist ein Branding von Junger Mann und Kunst.  Dieses branding bleibt Frauen verwehrt, man traut ihnen Brillanz nicht zu. Es ist der alte Gedanke, dass nur der Mann Geistigkeit habe, weil Geist aus der Zeugungskraft komme. Und das ist zum allerletzten Kriterium geworden, mit dem man Frauen ausschließt. Die französische Psychoanalytikerin Julia Kristeva hat drei Bücher geschrieben über „weibliche Genies“, um auf diesen Zusammenhang  aufmerksam zu machen.

Zu viele Entscheider und auch Entscheiderinnen sind bei einem direkt ausgestellten männlichen Ego zu schnell davon überzeugt, dass es sich hier um ein Genie handeln muss. Dieser Glaube verteilt sich in unserer Aufmerksamkeitsökonomie dann wie ein Buschfeuer und generiert die Art von Beachtung, ohne die man nicht dauerhaft arbeiten kann. Denn Teil der Gesellschaft zu sein, heißt heute, Teil dieser Aufmerksamkeitsökonomie zu sein. Nur wer ständig wahrgenommen wird,  ist etwas wert im digitalen Neokapitalismus, der mit seiner rasanten Entwicklung der audiovisuellen Technologien und seiner Bilderflut aus blutigen Weltuntergangsphantasien, angereichert durch eine Mischung aus Sex & Crime inzwischen die Bilderwelt beherrscht. Wir leben in einer Zeit, in der die Wirklichkeit stärker von Bildern als von allem anderen bestimmt wird. Und das Fernsehen und die Förderer haben nicht nur eine Verpflichtung gegenüber ihren Zuschauern als der Masse der Konsumenten, sondern auch gegenüber der Geschichte der bewegten Bilder.

Frauen haben nie von diesem Genie-­‐Verdacht profitiert, denn sie durften erst  sehr spät lernen, dass auch sie Subjekte sind. Und im Unbewussten unserer Gesellschaft, und das  ist der Bereich, auf den der Film zielt, ist auch das noch nicht wirklich verankert. Deshalb treten sie manchmal zögernd auf und behaupten nicht, alle schon zu können. Die Behauptung eines großen Egos muss geübt werden. Ihr Weg ist oft langsamer und stockender und sie haben bei den raren Plätzen, auf denen das Ungewöhnlich heute noch gemacht werden kann, von vornherein geringere Chancen. Nach wie vor sind dreimal mehr Männer als Frauen auf der Leinwand zu sehen und noch viel, viel weniger Frauen als Regisseurinnen hinter der Kamera. Seit 1946 kein Fortschritt. Und Filme, die nie gemacht worden sind, sind auch später nicht als verkannte Meisterwerke zu entdecken. Doch eine Gesellschaft, die kein Interesse hat an den Geschichten, die ihre Frauen zu erzählen haben,  verarmt und ihr Bild von sich selbst  ist verzerrt.  Film, ein Medium, in dem die Herrschaft des Geldes sich mit der Herrschaft über das Unbewusste zusammentut, ist deshalb immer noch eine extrem männliche Domäne.  Nur in Zeiten des Umbruchs und der Unruhe haben die Frauen bisher eine Chance gehabt.

Aber in einer solchen Zeit leben wir heute. Die Bewegung, dass Frauen immer stärker als Regisseurinnen auftreten,  ist nicht aufzuhalten, weil es eine internationale ist. Man kann sich ihr in den Weg stellen und damit auch den vielen gut ausgebildeten Frauen aus den Filmhochschulen den Weg versperren. Damit verweigert man aber auch dem deutschen Film eine dringend neue Bluttransfusion verweigern. Oder man kann ihr helfen.
Die EntscheiderInnen in den Redaktionen und den Filmförderanstalten haben die Wahl,  als Bremser oder als Heizer dabei zu sein.

Es geht um eine Bewusstseinsänderung. Nicht nur um angemessene Beteiligung der Frauen an Regieaufträgen, es geht auch um die alte Forderung, dass es andere Frauenbilder in den Filmengeben muss. Bei allen Filmprojekten, denen von Männern und denen von Frauen, sollte der  Bechdel-­‐Test obligatorisch sein. Er besteht aus drei einfachen Fragen: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? Sprechen sie miteinander? Reden sie über etwas anderes miteinander als über das Thema ‚Männer’? Eine vierte Frage kommt, so glaube ich,  hinzu. Auf die hat  Isabelle Huppert  jetzt während der Berlinale im Gespräch nach dem Film L’avenir hingewiesen. Sie spielt dort eine Philosophieprofessorin und hat gesagt, dass es immer noch sehr schwer sei, im Film Frauenrollen unterzubringen, in denen eine Frau intellektuell ist. Und die vierte Frage lautet also: Gibt es eine intellektuelle Frau im Film? Das ist für Deutschland sogar die gefährlichste Frage  von allen, denn Intellektualität ist, so glaubt der deutsche Mainstream, Gift für den Film. Hier muss alles aus dem Bauch kommen und dazu ist es noch ein männlicher Bauch. Aber man sollte über den Satz des amerikanischen Dramaturgen John Truby nachdenken, dass die Zukunft des  Erzählens  weiblich sein wird.  Nach ihm ist  die männliche Dramaturgie divide and conquer, die weibliche Dramaturgie dagegen ist combine and grow. Und sie wird, so glaubt er, die Dramaturgie der Zukunft sein.

Also,  liebe EntscheiderInnen, wenn Sie jetzt in den Kampf gegen ein System aus Angst und vorauseilendem Gehorsam ziehen, dann denken Sie daran, dass unbeschränkte Freiheit immer nur dem Stärkeren nutzt. Und daran, dass gute Filme nicht entstehen in einem System aus Angst und Kontrolle.

Madeleine Albright, eine ehemals sehr mächtige Frau, hat gesagt: Für Frauen, die Frauen nicht unterstützen, sei ein besonderer Platz in der Hölle vorgesehen. Dieser Satz gilt auch für Atheistinnen.


 

Jutta Brückner, Filmemacherin, Vize-Direktorin der Sektion Film- und Medienkunst der Akademie der Künste.
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